Am 04.10.2022 fand in der Druckerei Künzle der Quartierentwicklungsstammtisch zum Thema „Gewerbe und Angebote“ statt. Eingeladen waren Stephanie Schaffner und Jannis Morgenthaler von der Brauerei Oerlikon AG (Schärenmoosstrasse) und John Huizing von Künzle Druck (Gewerbegenossenschaft Oerlikerhus) sowie als Moderator Christian Huser, Präsident des Wirtschaftsraums Zürich Nord.

Albert Frölich, der Präsident des Quartiervereins Seebach machte gleich zu Beginn auf die hohe Dynamik in Leutschenbach aufmerksam: Früher war Leutschenbach der Hinterhof von Seebach und Zürich. Heute bemerkt man insbesondere am Neuzugezogenenanlass, dass die neue Bevölkerung sich sehr von der angestammten unterscheidet. Es wird z.B. zu einem grossen Teil hochdeutsch und englisch gesprochen. Zum Stammtisch selber: Er sei nicht überlaufen – (10 Personen), etwa hälftig sind das Gewerbe und die Bewohnerschaft vertreten.

Christian Huser ist Präsident des Wirtschaftsraumes Zürich Nord und Initiant des Zusammenschlusses der Gewerbevereine in Zürich Nord (Affoltern, Seebach, Oerlikon und Schwamendingen zum Wirtschaftsraum Zürich Nord. Die Idee des Zusammenschlusses war, das Gewicht gegenüber der Verwaltung zu maximieren: 220 Mitglieder haben mehr Gewicht gegenüber der Stadt Zürich als fünfzig. Gleichzeitig ist Christian Huser Gemeinderat der FDP und da insbesondere für Kultur und Schule zuständig.

John Huizing arbeitet seit 1998 in der Künzle Druckerei und ist seit 2005 Mitinhaber. Künzle Druck war eines der ersten Gewerbe im Oerlikerhus neben dem Gründungsmitglied Hasler, die noch heute erfolgreiche Erdgeschossnutzung des Oerlikerhus, das seinerseits fürs Gewerbe ein wichtiger Anbieter ist. Das Oerlikerhus ist zu 100% vermietet und damit erfolgreicher als z.B. das GGA in Altstetten, das viel Leerstand aufweist. Die Verwaltung des Oerlikerhus funktioniert sehr gut und grad letzthin wurde der Vertrag von Künzle Druck bis 2065 verlängert. „Das Oerlikerhus ist eine Perle in Zürich – hier kann ich lärmen und stinken!“ meint dazu John Huizing. Die Mieterschaft im Oerlikerhus ist stabil, nicht zuletzt wegen des günstigen Mietzinses (dank der Anteilscheine / dem Genossenschaftskapital der eingemieteten Gewerbe). Früher hatte es auch eine kleine Kantine im Erdgeschoss des Oerlikerhus, das Café Oerlikerhus, das aber wegen Hygienenormen schliessen musste. Nun gibt es im obersten Stock das „Locanda“ als kleine innovative Gastronomie mit einfachem Angebot. Doch hat es durchaus gewerbliche Erdgeschossnutzungen, die unterschiedlich frequentiert sind.

Jannis Morgenthaler, Geschäftsführer der Brauerei Oerlikon AG ist ein Fremder in Oerlikon/ Seebach/ Leutschenbach. Die Oerliker Brauerei wurde 2017 von Daniel Frei gegründet (der nicht mehr in der Brauerei arbeitet). 2020 wurde die Brauerei „professionalisiert“ und mit neuen Leuten, die die Brauerei übernommen haben, eine AG gegründet. Seither ist sie am Wachsen, nicht zuletzt wegen des „Tap Rooms“, der seit dem public viewing der EM als Gastro-Betrieb das eigene Bier verkauft. Das Konzept ist Craft-Bier mit einem kleinen Kulturprogramm (Rock/Pop aus der Region) zweimal im Monat. So seien sie zu einem kleinen Quartiertreffpunkt geworden.

Historisch ist Leutschenbach seit den 50er Jahren Gewerbegebiet, mit der Heinecken Brauerei, der Armaturenfabrik Nyffenegger, der Bauunternehmung Brunner Erben und viel Kleingewerbe. Da wo heute das Wolkenwerk ist, stand sehr lange die Armaturenfabrik Nyffenegger (Grundeigentümer) – heutzutage ist ihr Showroom im Wolkenwerk eher ein Exotikum, die Produktionsanlagen sind aufgehoben. Neben dem Industrie- und Gewerbegebiet Leutschenbach lag der Grubenacker als vergessenes Wohnquartier, das nun mit der neuen Überbauung Thurgauerstrasse West nicht nur ins Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern auch unter Druck gerät – erste Anzeichen der Gentrifizierung sind mit neu gebauten Mehrfamilienhäusern bereits sichtbar. Diese entstehen ohne Quartierplanung vereinzelt und willkürlich über die Fläche verteilt.

Auch das Gewerbe in Leutschenbach gerät als Folge der Aufwertung zunehmend unter Druck. Die Brauerei Oerlikon sucht neue Räume, da ihr Mietvertrag ausläuft, doch günstiger Raum ist in Zürich schwierig zu finden. Sie ist jedoch wegen ihrer Gastronomie auf eine städtische Lage angewiesen. Das nächste produzierende Gewerbe, das Leutschenbach verlassen muss, ist der Malerbetrieb Schlagenhauf; auf der Parzelle ist ein Hochhaus mehr geplant. Auch Angst und Pfister als global agierender Produktionsbetrieb zieht aus, da auf deren Areal ein Hochhaus in Planung ist. Selbst im Oerlikerhus ist das produzierende Gewerbe unter Druck, da Büros von Dienstleistungsbetrieben einziehen, die sich am Lärm stören – die Druckerei Rutschi im Oerlikerhus musste wegen den Lärmbeschwerden von Hasler ausziehen.

Grundsätzlich ist in der Zentrumszone mässig störendes Gewerbe zugelassen. Dennoch wirken sich Nutzungs- und Bauordnungen mit ihren Lärmschutz- und Empfindlichkeitszonen grundsätzlich gegen das Gewerbe aus; das Gewerbe verliert gegenüber dem Wohnen und den Dienstleistungen. Wenn der Lärmpegel überschritten wird, werden die Vorschriften darum erhöht. Aus den Erzählungen von Katrin Aklin, Geschäftsleiterin der OPA Stiftung im Kissling-Haus, war Leutschenbach in den 90er Jahren mit Alteisenhändlern, dem Roma-Standplatz und der Prostitution ein etwas verruchter und keinesfalls schicker Ort. Mit der Aufwertung möchte die neue Bewohnerschaft nun stilles Gewerbe – die Toleranz ist auf null gesunken, toleriert als Gewerbe wird grade noch das Nail-Studio. Auch Clubs oder Gastrobetriebe haben es in diesem Umfeld schwer. In dem Sinne wird vom Quartierstammtisch die laute und von der Abklassierung bedrohte Thurgauerstrasse als Chance gesehen, denn die Abklassierung zur zweispurigen Strasse wird weiteren Druck auf das Gewerbe ausüben. Auch André Odermatt hatte in der Vorstellung des Projektes Thurgauerstrasse West nur von Wohnen gesprochen. Doch mässig lautes Gewerbe wie eine Schreinerei oder eine Druckerei (Lärmstufe 3) und auch eine gute Zufahrt müssen möglich sein.

Für die Brauerei ist die Zufahrt weniger ein Problem, auch Achzehntönner können heute auf schmalen Stadtstrassen fahren, doch die Nachtruhe stellt ein grosses Hindernis dar. Früher konnte der Bäcker noch in der Nacht ausliefern, heute ist das immer mehr ein Problem. Der Trend zur Verkehrsberuhigung führt zu toten Quartieren. Im Glattpark können die Gastrobetriebe nicht rausstuhlen oder Veranstaltungen machen wegen den Anwohnern. Aber die Lärmbeschränkungen sind ein beliebtes (und vielfach einziges) Planungsinstrument in der Raumplanung, da Lärm konkret und messbar ist und gerne zum Lenken hin zu Wohnnutzungen eingesetzt wird.

Der Trend in Leutschenbach geht klar zu Lasten des produzierenden Gewerbes, obwohl dieses auf Raum angewiesen  ist. Die Brauerei Oerlikon ist Mitglied von „Made in Zürich“, doch auch diese Initiative für mehr produzierendes Gewerbe in Zürich macht nicht wirklich etwas fürs produzierende Gewerbe. Ein Standort an der Thurgauerstrasse wäre für die Brauerei ideal – bald wird die Brauerei von der Schärenmoosstrasse von einem Hochhaus verdrängt, die Architekten sind am Projektieren. Andere Standorte werden abgeklärt, z.B. die Rheinmetall wäre ein guter Standort, ist aber leider ein geschlossenes Areal. Das Problem ist eine zu geringe Wertschöpfung pro Quadratmeter. Neubau ist sehr teuer, auch bei einem blossen Grundausbau.

Die Schuld am Verschwinden des Gewerbes wurde in der fehlgeleiteten Stadtplanung der Stadt Zürich lokalisiert. Darum müsste das Gewerbe in die Planung miteinbezogen werden. Dem wird entgegengesetzt, dass es durchaus Versuche gab das Gewerbe zu fördern, z.B. durch die „Gewerbeschutzzone“ Binz. Doch die Immobilienentwickler und die Kennzahlen der Bevölkerungsentwicklung / der Kanton üben Druck auf die Stadt aus. Es sei keine direkte Feindlichkeit, doch begnügt sich die Stadt mit Feigenblättern wie einem Coiffeursalon o.ä.  Es wird angemerkt, dass die Stadt bei den Grundeigentümern nicht eingreifen kann. Selbst andere städtische Ziele wie eine genügende Frischluftzufuhr muss von der Stadt wegen der Bevölkerungsentwicklung hintan gestellt werden – die Stadt orientiert sich an den Kennzahlen bei den Neuzuzüger:innen.

Es wird eingebracht, dass die Stadt von den Eigentümern verlangen könnte Sozio-/Erdgeschossnutzungen einzuplanen; wer solche nicht einplant, müsste zahlen. Dem wird entgegnet, dass im Glattpark von der Gemeinde auch ein überhohes Erdgeschoss verlangt wurde. Nun sind diese zu teuer, viele leer und ansonsten keine öffentlichen / Publikumsnutzungen drin. Gegenvorschlag: Wie könnte man als Private mitbestimmen, ohne planwirtschaftliche Methoden zu bemühen, da ohnehin die Eigentümer:innen Mieterschaft und Nutzungen bestimmen? In der BZO können diese nicht von der Stadt bestimmt werden; ausserdem wird die Stadt das Gewerbe nicht fördern wollen, der letzte Handwerker hat das Parlament verlassen – die Gewerbetreibenden haben die Stadt zum grossen Teil verlassen, darum sind auch die Gewerbevereine am Schrumpfen. Einen gewissen Einfluss auf die Politik hat v.a. noch der städtische Gewerbeverband, der 1-2 Sitzungen jährlich mit der Verwaltung hat. Im Bestand ist es schwierig noch Einfluss zu nehmen, doch bei Neubauprojekten könnte man sich vielleicht einbringen. Eine Handwerkergenossenschaft sollte mit Wohnbaugenossenschaften zusammen Gewerbe in der Thurgauerstrasse realisieren können. Ein Weg, dies zu fordern, könnte der städtische Gewerbeverband sein, ein anderer mit den vernetzten Interessen eine Plattform zu bilden, insbesondere für Gewerbe und Kultur, die ähnliche Interessen haben, aber auch für den Freiraum. Die Plattform sollte eine möglichst pfannenfertige Lösung entwickeln und diese der Stadt präsentieren können. Der Wirtschaftsraum Zürich Nord bringt die entsprechende Forderung in den städtischen Gewerbeverband. So könnte eine neue Identität von Leutschenbach geschaffen werden, die vom Gewerbe mitgeprägt ist.