@ Wunderkammer, Do 15.06.2023

Am Do 15.06.23 fand in der Wunderkammer der fünfte und letzte thematische Quartierentwicklungsstammtisch statt. Diesmal sprachen die wenigen, aber umso engagierteren Besucher:innen über den Freiraum in Leutschenbach, sowohl als Sozialraum wie auch als Ökosystem. Fragen wie „Welche Aktivitäten wollen wir? Welche (Verbindungs-)Wege, Aufenthaltsqualitäten, Ökonischen?“ sollten diskutiert werde. Den Experten-Input machte diesmal der Umweltwissenschaftler und Landschaftsarchitekt Andreas Gantenbein, der bereits 2017 in der Wunderkammer den Zauberwald als naturnahen Park entworfen hatte.
Von Anfang an entzündete sich eine lebhafte Diskussion, die erst mal nicht etwa um den Leutschenpark kreiste, sondern um das Bijoux „Innerer Garten“ von Landschaftsarchitektin Martina Voser. Dieser hat den goldenen Hasen des Architekturmagazins Hochparterre gewonnen und ist schweizweit einzigartig. Der schön und ökologisch gestaltete Fussweg verbindet die Aussenräume vom Fernsehstudio bis zum Busdepot an der Hagenholzstrasse; die Landschaftsarchitektin hatte es geschafft, die einzelnen Grundbesitzer von einem gemeinsamen Aussenraum zu überzeugen, der nicht aus Abstandsgrün, sondern aus einem verbindenden Freiraumstreifen mit Ruderalstellen, Biotopen und kultivierten Hecken besteht.
Grundsätzlich brachte Gantenbein die Frage auf, was denn wie zum Quartier gehört: Was sind Begrenzungen, Hindernisse? Gibt es Verbindendes? Bis wohin reicht der Freiraum: Gehören Fassaden auch zum Aussenraum? Was gehört zu Leutschenbach? Diese Frage wurde mit zwei Hauptbegrenzungen beantwortet: Den Eisenbahnlinien im Westen und Süden des Leutschenbacher „Dreiecks“, das meiste auf Seebacher, kleine Teile auf Oerliker und Schwammendinger Boden.
Er teilte den Wirkperimenter in unterschiedliche Kategorien ein:
- Wohnraumbezogene Grünräume (100-200m)
- Raum für Interaktion – Plätze / Treffpunkte
- Promenaden
- Orte der Ruhe
- Quartierbezogene Freiräume
- Stadtbezogene Freiräume
- Barrieren
Demnach sind der innere Garten oder der Leutschenpark (-Platz?) quartierbezogen, der Glattparksee wie auch die Wunderkammer hingegen stadtbezogen. Der Leutschen-, der Ried- und der Katzenbach stellen (neben Spazierrouten für die Menschen) Verbindungsräume / Grünkanäle für Tiere dar. Die Bäche, die heute prägend sind fürs Quartier, sind früher anders geflossen, das „blaue Band“ erinnert noch an den Leutschenbach, der heute eingedolt ist. Auch der „Baumtopf“ erinnert an vergangene Zeiten, als er der Kugelfang des Schützenhauses war. Nun kommen die geplanten Infrastrukturen und Freiräume hinzu: Neben dem Quartierpark ist ein Schulhaus im Grubenacker am entstehen wie auch je eine Alterssiedlung im Grubenacker und am Riedbach. Zum Schulhaus führt eine Unterführung (zuerst Passerelle) über das Hindernis Thurgauerstrasse, die ihrerseits verkehrsberuhigt und auf zwei Spuren reduziert werden soll. Diese Verbindung soll mit dem Stierli-Areal und damit mit Alt-Seebach verbunden werden – eine Chance, obwohl dort mit dem Kunstlager eine fürs Quartier unattraktive Nutzung geplant ist. Mit dem Quartierpark im Grubenacker entsteht ein weiterer peripherer Grünraum (neben dem Steinerpark beim Mehr als Wohnen / Hunziker). Auch ein anderer, wenn auch wenig beachteter und ökologisch wertvoller Grünraum ist das Grubenackermoos mit seinen Biotopen neben den Gleisen im Grubenacker, das vom Aquariumsverein bewirtschaftet wird. Dieser wurde von der SBB für eine Gleiserweiterung freigehalten.
In Seebach fehlen Zentralitäten wie auch Verbindungen, was u.a. mit einer eratischen Stadtentwicklung zu tun hat. Quartiervereinspräsident Albert Frölich macht darauf aufmerksam, dass ursprünglich der Buhnhügel das Zentrum von Seebach war und an der Schaffhauserstrasse sich damals die Industrie entwickelte. Leutschenbach bestand in den 50ern aus Handwerkerbetrieben, in den 80ern entstanden an der neuen Einfallsachse zum Flughafen repräsentative Bürobauten für globale Firmen, die heute leerstehen. Die Siedlung Mehr als Wohnen war eine Wohnpionierin am Rande Leutschenbachs – die Leute haben damals gestaunt, dass mitten im Gewerbe eine Siedlung entsteht. Vielleicht ist dies der Grund, warum die Siedlung immer noch nach innen gerichtet ist und sich als eigenes Quartier sieht. Erst in den 90ern entstanden die ersten Wohntürme mit dem Leutschentower und den Metropolitans und bald werden neben dem Kissling auch die Angst und Pfister und Taxi Meier Areale und das Schillerhaus neu entwickelt.
Heute muss darum der Stadtteil anders gedacht werden. Bereits jetzt ist der Innere Garten ein Aufwertungsprojekt; doch auch andere Freiräume bergen Chancen. So wäre die Stärkung des Katzenbach-Durchganges zum (aufgewerteten?) Seebacherplatz oder Zwischennutzungen in den leeren Bürobauten an der Thurgauerstrasse grosse Chancen. Mit dem Schulhaus und dem Quartierpark bekommt Leutschenbach im Grubenacker ein neues Herz. Doch die Projekte stehen noch unverbunden nebeneinander: Es gibt keine „Eingänge“ zum Leutschenpark und auch die Gebäude sind nicht an den Park/Platz angeschlossen, obwohl dieser grundsätzlich ein Quartiertreff sein sollte. Torsituationen, die diese Signalwirkung entwickeln könnten wie die Passerelle, gibt es noch nicht – beim Leutschenpark gibt es bisher weder Sogwirkung noch Ausstrahlung, er ist ein funktionaler Durchgangsraum und auch so gestaltet. Aktivitäten wie Feste oder Nutzungen wie ein (zentraler) Spielplatz, ein Treff, öffentliche Nutzungen oder ein Lebensmittelladen (in den Souq kommt ein Coop!) fehlen.
Die Karten, die im Anschluss an die Diskussion gezeichnet wurden, spiegelten denn auch die kongruente Wahrnehmung. Im Zentrum standen Fragen nach den Eingängen, Achsen, Anbindungen, Hindernissen und Grünräumen. Die zentralen Eingänge und Anbindungen für den Langsamverkehr sind die Passerelle/Unterführung der Thurgauerstr. (Stierli-Areal/Seebach), die Schärenmoosstr./Katzenbach (Seebacherplatz/Seebach), die Verlängerung des Boulevards Lilienthal (Glattpark) und der Riedgraben (Schwammendingen, Wallisellen). Die jeweiligen Eingänge in den Leutschenpark sollen besser sicht- und fühlbar werden, also aufgewertet werden. So ist die wichtige Kreuzung von Leutschenbachstr. und Glattparkstrasse eine simple Verkehrskreuzung, obwohl dieser Ort der Eingang zu Leutschenbach, dem Glattparksee, zum Opfikerpark oder an die Glatt ist. Der Eingang zwischen dem Leutschenpark und dem Glattpark ist fast nicht zu finden, genauso wenig wie der Eingang zur Katzenbachverbindung nach Alt-Seebach. Aber auch der Leutschenpark selber muss mit Nutzungen und Aktivitäten aufgewertet werden. Er müsste bis an die Fassaden inklusive Leutschenbachstrasse gedacht werden und die Erdgeschosse mit öffentlichen Nutzungen einbeziehen. Der MIV beschränkt sich weiterhin auf das Dreieck Thurgauerstr. / Glattparkstr. / Hagenholzstr. und quert nur mit der Leutschenbachstrasse, teilweise Schärenmoosstr. (30er Zone).
In der Schlussdiskussion stand insbesondere die Belebung des Parks durch Veranstaltung im Zentrum. Eine Plakatsäule wie auch eine Eventstelle wurden andiskutiert. Ein grosses Fragezeichen blieb deren Finanzierung.